Mythen und Fakten: Getreide als Energiequelle für Hunde
Stand: Juni 20256 Min. Lesezeit

„Getreidefrei" steht heute auf gefühlt jedem zweiten Sack im Regal. Entsprechend oft hören wir in der Beratung den Satz: „Getreide kommt mir nicht in den Napf." Und kurz darauf die Frage, warum bei REiCO Reis, Mais oder Weizen auf der Zutatenliste stehen.
Die kurze Antwort: Getreide ist für die allermeisten Hunde völlig unproblematisch – und es ist kein billiger Füllstoff. Die lange Antwort liest du hier.
Was Getreide im Napf überhaupt liefert
Getreide besteht zu etwa 60 bis 80 Prozent aus Stärke. Dazu kommen Eiweiß, etwas Fett, Mineralstoffe und Spurenelemente wie Eisen, Kalium und Mangan sowie Vitamine, allen voran Vitamin E und die B-Gruppe. Einige Sorten, zum Beispiel Weizen, enthalten außerdem Gluten.
Die Stärke ist dabei der eigentliche Punkt: Im Dünndarm zerlegen Enzyme der Bauchspeicheldrüse sie in einfache Zuckerbausteine, die dein Hund als Energie nutzt. Das ist kein Notbehelf, sondern ein effizienter Weg, Kalorien bereitzustellen – und ein Grund, warum Getreide in vielen Rezepturen steht.
Die einzelnen Sorten haben dabei durchaus unterschiedliche Rollen:
- Reis ist besonders leicht verdaulich und daher oft die erste Wahl bei empfindlichen Hunden.
- Mais liefert neben Stärke auch Carotinoide und unlösliche Ballaststoffe, die die Darmbewegung anregen.
- Weizen enthält mehr pflanzliches Eiweiß als Reis, dazu B-Vitamine, Eisen und Zink.
- Hafer bringt lösliche Ballaststoffe mit, die sogenannten Beta-Glucane, und einen vergleichsweise hohen Anteil ungesättigter Fettsäuren.
Warum REiCO Getreide einsetzt
Vier Gründe, die in der Beratung immer wieder eine Rolle spielen:
Als verlässliche Energiequelle. Anders als Katzen kommen Hunde mit Stärke gut zurecht. Gerade in Phasen mit höherem Bedarf ist Getreide eine planbare Kalorienquelle.
Für die Nährstoffbalance. Die Kombination aus tierischem und pflanzlichem Eiweiß lässt sich feiner auf Lebensphase und Bedarf abstimmen, als es mit Fleisch allein möglich wäre.
Für die Struktur. Getreide bindet Feuchtigkeit und sorgt für eine formstabile Krokette im Trockenfutter und eine angenehme Konsistenz im Nassfutter.
Für den Preis. Getreide wächst in der Region und ist günstiger als exotische Kohlenhydratquellen. Das schlägt sich im Preis nieder – ohne dass an der Qualität gespart wird.
Der hartnäckigste Mythos: die Getreideallergie
Hier lohnt sich der genaue Blick, denn die Verwechslung ist verbreitet und folgenreich.
Allergien richten sich bei Hunden fast immer gegen Eiweiße, nicht gegen Kohlenhydrate. Eine viel zitierte Übersichtsarbeit von 2016 hat ausgewertet, welche Futtermittel bei Hunden am häufigsten als Allergieauslöser dokumentiert sind. Ganz oben stehen Rindfleisch, Milchprodukte und Huhn. Weizen landet deutlich dahinter.
Für eine echte Glutenunverträglichkeit gilt dasselbe: Sie ist die seltene Ausnahme.
- Beim Irish Setter wurde sie früher beschrieben; die betroffene Zuchtlinie gilt heute als ausgezüchtet.
- Beim Border Terrier kommt eine sehr seltene, genetisch bedingte Form vor, bei der betroffene Hunde nach Glutenaufnahme anfallsartige Bewegungsstörungen zeigen. Hier verordnet der Tierarzt ein glutenfreies Futter.
Wie viel Stärke verträgt ein Hund?
Hunde können die Produktion des stärkespaltenden Enzyms Amylase hochfahren, wenn das Futter kohlenhydratreicher wird. Katzen können das nicht. Deshalb lässt sich beim Hund ein erheblicher Teil des Energiebedarfs problemlos über Stärke decken.
Eine Grenze gibt es trotzdem. Als Faustregel gilt: Liegt der Kohlenhydratanteil über etwa 60 Prozent, kann unverdaute Stärke im Dickdarm Wasser binden und zu weichem Kot führen. Ein Hersteller, der weiß, was er tut, hat also gar kein Interesse daran, mehr Stärke einzusetzen, als ein Hund verarbeiten kann.
Den Anteil kannst du selbst ausrechnen, denn auf jedem Etikett stehen die nötigen Zahlen:
Ein Beispiel aus dem Sortiment, MAXiDOG Pura Krokett:
| Analytischer Bestandteil | Anteil |
|---|---|
| Rohprotein | 25,00 % |
| Rohfett | 15,00 % |
| Rohfaser | 4,00 % |
| Rohasche | 10,00 % |
| Feuchtigkeit | 8,00 % |
| Summe | 62,00 % |
Bleiben 38 Prozent Kohlenhydrate – deutlich unter der Faustregel von 60 Prozent.
Ein Hinweis zum Rechnen: Bei Nassfutter führt dieselbe Rechnung in die Irre, weil rund drei Viertel des Inhalts Wasser sind. Wer Nass- und Trockenfutter vergleichen will, muss beide Seiten erst auf die Trockenmasse umrechnen.
„Getreidefrei" heißt nicht „ohne Stärke"
Das ist der Punkt, der die meisten überrascht: Getreidefreies Futter enthält in aller Regel genauso viel Stärke. Sie kommt nur aus einer anderen Quelle – aus Kartoffeln, Süßkartoffeln, Erbsen, Bohnen oder Linsen. Im Körper deines Hundes passiert damit exakt dasselbe wie mit Reis oder Mais.
Ein Beispiel: Ein getreidefreies Sensitiv-Futter mit Straußenprotein besteht zu 48 Prozent aus Kartoffelflocken, dazu kommt noch Kartoffelprotein. Das ist in der Summe mehr Stärke als in manchem getreidehaltigen Futter.
Warum Kartoffel als gut und Getreide als schlecht gilt, lässt sich sachlich nicht begründen. Beide erfüllen dieselbe Aufgabe. Entscheidend für die Qualität eines Futters sind drei andere Dinge:
- Das Verhältnis von tierischem Eiweiß zu Kohlenhydraten.
- Die Qualität der Eiweißquellen.
- Die Gesamtrezeptur mit Vitaminen, Mineralstoffen und Fettsäuren.
Angepasst, nicht artfremd
Der Einwand „ein Hund ist ein Wolf" hält sich hartnäckig, stimmt aber so nicht.
Mit dem Beginn des Ackerbaus vor rund 10.000 Jahren wurde stärkereiche Nahrung für Mensch und Hund zum Alltag. Ein Genomvergleich zwischen Wolf und Hund, 2013 in Nature veröffentlicht, zeigte: Hunde tragen deutlich mehr Kopien des Amylase-Gens als Wölfe. Sie sind also genetisch besser darauf eingerichtet, Stärke zu verdauen. Das Fazit der Forschenden lautete sinngemäß, dass man einen Hund eben nicht füttern sollte wie einen Wolf.
Und selbst der Wolf frisst pflanzliche Kost: Vom Beutetier bleibt der Mageninhalt selten übrig – Gräser, Wurzeln, Beeren, Getreide.
Fünf Mythen im Faktencheck
| Mythos | Was tatsächlich stimmt |
|---|---|
| Getreide ist ein billiger Füllstoff | Es liefert Energie, pflanzliches Eiweiß, Ballaststoffe, Vitamine und Mineralstoffe. Ein Füllstoff ohne Nährwert ist etwas anderes. |
| Hunde sind reine Fleischfresser | Auch Wölfe nehmen über den Mageninhalt ihrer Beute regelmäßig pflanzliche Kost auf. |
| Was für Menschen gilt, gilt auch für Hunde | Low Carb ist eine menschliche Ernährungsdebatte. Stoffwechsel und Evolutionsgeschichte des Hundes sind andere. |
| Getreide verursacht Krebs | Krebs entsteht multifaktoriell. Dass Tumorzellen Kohlenhydrate verwerten, heißt nicht, dass Getreide Krebs auslöst. Ob eine kohlenhydratärmere Fütterung im Einzelfall sinnvoll ist, entscheidet der Tierarzt. |
| Getreide macht Zahnstein | Hundespeichel enthält keine Amylase – Stärke wird erst im Dünndarm gespalten, nicht im Maul. Zahnstein entsteht durch Plaque und Bakterien. |
Was du beim nächsten Einkauf prüfen kannst
Die Zutatenliste ist nach Gewicht sortiert, nicht nach Nährwert. Steht Fleisch vorn, sagt das noch nichts über den Anteil der übrigen Zutaten in der Summe.
Die analytischen Bestandteile verraten dir mit der Rechnung von oben das Verhältnis von Eiweiß zu Kohlenhydraten – die Zahl, auf die es wirklich ankommt.
Das Etikett „getreidefrei" ist für sich genommen kein Qualitätsmerkmal. Schau lieber, woher die Stärke stattdessen kommt.
Kurz zusammengefasst
Getreide im Hundefutter ist ernährungsphysiologisch unbedenklich und in vielen Rezepturen sinnvoll. Es liefert Energie, Ballaststoffe, Vitamine und Mineralstoffe. Echte Getreideallergien sind selten und nicht häufiger als Allergien gegen Rind oder Huhn. Und getreidefreies Futter enthält fast immer genauso viel Stärke, nur aus Kartoffel, Erbse oder Süßkartoffel.
Wenn dein Hund Probleme hat und du den Verdacht hast, dass es am Futter liegt: Sprich uns an. Wir schauen uns gemeinsam an, was im Napf ist – und suchen die Ursache dort, wo sie meistens liegt.
Dieser Artikel dient der allgemeinen Information. Er ersetzt keine Untersuchung, Diagnose oder Behandlung durch Tierarzt oder Arzt.


